AMOKLÄUFE - Hintergrundbeleuchtung von Kripo.at  
 

AMOK – DER SINNLOSE TOD

 

Winnenden - eine Stadt mehr in der Liste der Orte, die Schauplatz eines anscheinend sinnlosen Massakers wurden. Albertville Realschule - eine Schule mehr in der ein Schüler seine Schulkollegen als lebende Ziele auswählte. Werden Amokläufe langsam zur Gewohnheit, müssen wir uns daran gewöhnen? Kann man Amok vorbeugen? Viele Fragen und wenig Antworten.

 

Für die Öffentlichkeit, deren Meinung von den Massenmedien geprägt ist, sind Amokläufer gewalttätige Geisteskranke, die aus nichtigem Anlass ein Massaker ausführen. Amokläufe sind irrational, nicht vorhersehbar und enden mit Selbstmord oder Tötung des Täters durch die Polizei. Punkt.

Auch wenn es so aussieht, Amok ist kein Produkt unserer zivilisierten, modernen Gesellschaft. Amok („meng amok“, in blinder Wut angreifen) war ursprünglich ein gruppengebundenes kriegstaktisches Verhalten mit malaiischem Ursprung. Ein Krieger lief, sein Schwert schwingend, vor der Hauptstreitmacht und rief dabei „amok, amok“. Der Krieger wollte damit sich selbst und seine Mitstreiter anfeuern. Durch diese Exponierung gefährdete er sich zwangsläufig selbst. Er nahm seinen Tod in Kauf um ein Kriegsziel zu erreichen. Der historische Amoklauf ist daher eine wohlkalkulierte Handlung, die dem Handelnden Ehre und Ansehen einbrachte und vor allem sie hatte ein verständliches Ziel. Als Kriegstaktik war die Handlung auch mit der eigenen Sippe abgesprochen und häufig hob sich der Amokläufer durch eigene Kleidung von der Masse der Krieger ab. Die palästinensischen Selbstmordattentäter entsprechen damit mehr dem historischen Amokbegriff, als jene Morddelikte, die bei uns als Amoklauf bezeichnet werden.

Im Laufe des 17.-18. und 19. Jahrhunderts kam der Begriff Amok auch nach Europa und erfuhr hier eine Abkehr vom ursprünglichen Beweggrund zu Mordtaten ohne ersichtliches Motiv. Vermutlich der erste Täter auf den der Begriff Amoktäter angewendet wurde war der Lehrer Ernst August Wagner. 1913 tötete er seine Frau und vier Kinder, danach fuhr er in die Ortschaft Vaihingen, zündete Häuser an und schoss auf die flüchtenden Menschen. Ergebnis: 17 Tote. Die Anzahl der Toten bei Amokläufen differiert naturgemäß. Herausragend ist ein Fall aus Südkorea. Am 27. April 1982 tötete ein Polizist 58 Personen durch Schüsse und Handgranaten. Der Fall ist symptomatisch: Die Hochzeit des Polizisten kam nicht zustande und er war nicht befördert worden, vor der Tat trank er Alkohol. Wie viele Amokläufe im Laufe der Jahre weltweit tatsächlich begangen wurden wird different angegeben. Gefeit scheint kein Kontinent und kein Land dagegen zu sein. Die Liste der betroffenen Länder führt jedenfalls die USA an. Ob der Grund darin liegt, dass die USA das liberalste Waffenrecht haben oder weil man dort eher einen Konflikt mit der Waffe löst, das wäre noch zu erforschen.

Wie auch immer, lt. WHO versteht man heute unter Amok „eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-) zerstörerischen Verhaltens“.

Jene Mörder, die wir als Amokläufer, - schützen oder - fahrer bezeichnen, handeln ausschließlich für sich selbst, wenn man vielleicht davon absieht, dass sie ihre Art Gerechtigkeit herbeiführen wollen. Über die Frage, warum ein Mensch in diesen Rauschzustand von Gewalt kommt, zerbrechen sich schon seit der vorletzten Jahrhundertwende die Gelehrten die Köpfe. Man glaubte Ende des 19. Jahrhundert auch tatsächlich, dass Amokläufer erst unter Einfluss von Alkohol zu ihrer Tat fähig werden. Heute weiß man, dass dem eigentlichen Amoklauf ein psychologischer Prozess vorausgeht. Im Vorstadium prüft der potentielle Amoktäter die Gegebenheiten und desintegriert sich von seiner Umwelt. Nicht selten werden im Vorstadium auch Botschaften und Ankündigungen verlautbart. So eigenartig es klingen mag, aber der Täter hat auch ein Motiv, auch wenn der „normale“ Mensch es nicht versteht. Der Amoktäter ist kein Irrer, der grundlos tötet. Gemeinsam ist allen Tätern, dass sie eine gewisse Todessehnsucht haben und/oder ihren Tod in Kauf nehmen. Wenigstens in diesem Teilbereich entsprechen die heutigen Amoktäter ihren historischen Vorläufern. Gemeinsam mit ihren Vorläufern ist auch der Hang jugendlicher Amoktäter zu gewisser Kleidung. War es bei den moslemischen Malaien ein weißes Gewand bevor sie ihre christlichen Nachbarn töteten, bevorzugen heute Amoktäter schwarze Kleidung.

Der Selbstmord am Ende des Aktes ist symptomatisch, 27% der Täter begehen Suizid. Und wenn der Täter selbst zu feige ist sich zu töten, dann provoziert er häufig seinen Tod durch einen Polizeieinsatz. 16% der Täter werden durch Fremdeinwirkung getötet. Richard Durn, dem am 27. März 2002 im Stadtparlament des Pariser Vorortes Nanterre acht Menschen erschoss und viele weitere verletzte, schrie immer wieder „Tötet mich“. Die Einsatzkräfte taten ihm nicht den Gefallen und so stürzte er sich einige Tage später aus dem Fenster des Vernehmungszimmers.

 

DER TYPISCHE AMOKLÄUFER

Den typischen Amokläufer gibt es nicht, dennoch kann man ein gewisses Täterprofil erstellen:

  • Amoktäter sind zu 95% Männer.
  • Bis in die 90er Jahre waren Amoktäter immer Erwachsene.
  • 55% der Täter waren psychisch auffällig oder krank. (Da es sich nicht um Geisteskranke im Sinne der Lehre handelte, fiel das aber meist erst später auf.)
  • Amoktäter verwenden fast immer Schusswaffen
  • Amoktäter haben Zugang zu Schusswaffen. (So waren der letzte deutsche Amoktäter Tim Kretschmer und der erwähnte Richard Durn Sportschützen.)
  • Amoktäter handeln fast immer alleine (Ausnahmen waren Arkansas 1998 und Littleton 1999)
  • Amoktäter sind emotional isoliert und kontaktarm.
  • Amoktäter sind häufig überdurchschnittlich intelligent, versagen aber im täglichen Leben.
  • Amoktäter geben einer oder mehreren Personen Schuld an ihrem Versagen.
  • Amoktäter töten zuerst Menschen die sie kennen, also die „Schuldigen“, und erst danach Unbekannte.
  • Neu ist, dass in letzter Zeit Amoktäter Ankündigungen in das Internet stellen und sich vor der Tat mit abgelaufenen Amokläufen befassen.

Trotz gewisser Gemeinsamkeiten muss man grundsätzlich drei Arten von Tätern unterscheiden.

  • In die erste und momentan akuteste Gruppe fallen jene jugendlichen Täter die in ihre Schule gehen und dort Lehrer und Mitschüler töten (Schulhoftäter). KIassiker ist dabei das Massaker in der Columbine High School in Littleton, das Regisseur Michael Moore als Grundlage für seinen Film „Bowling for Columbine“ gegen das amerikanische Waffenrecht gewählt hat. Die Tat des Tim Kretschmer, der in der Baden-Würtenbergischen Kleinstadt Winnenden, am 16. März dieses Jahres in der Albertville Realschule und auf der Flucht 15 Menschen getötet hat, ist der bislang letzte Fall dieser Art. Auch Österreich erlebte bereits eine derartige Straftat. Am 5. Mai 1997 erschoss ein 15 jähriger Schüler in der Schule in Zöbern (Niederösterreich) eine Lehrerin und verletzte eine zweite schwer. Übrigens verwendete er, wie auch Tim Kretschmer die Pistole seines Vaters. Beängstigend ist, das Täter dieser Gruppe versuchen ihre Vorläufer, die auch Vorbilder sind, zu überbieten. Für diese Art von Amoklauf hat sich wegen ihrer Häufigkeit zwischenzeitlich der Begriff „School shooting“ eingebürgert. Laut Analysen des FBI kündigen diese Täter ihre Tat fast immer an.
  • Die zweite Gruppe sind die Familientäter. In diese Gruppe gehören jene Täter die Personen ihrer persönlichen Umgebung, häufig die eigene Familie, massakrieren. Hier muss aber zwischen erweitertem Suizid (Pseudo-Amoktat) und tatsächlichem Amoklauf unterschieden werden. Familientäter sind meist ältere, psychisch unauffällige oder depressiv-psychotische Männer. Dominante Vater- oder Mutterfiguren sind häufig. Die Täter des „erweiterten Familiensuizid“ töten gezielter, verletzen kaum und begehen fast immer nach der Tat Selbstmord.
  • Die dritte Gruppe sind jene Täter die scheinbar wahllos Unbekannte töten. Opfer sind hier häufig Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Organe von Behörden oder Institutionen, Firmenvertreter. Nach Meinung der Täter haben diese Menschen ihnen persönlich oder für eine Institutionen Unrecht zugefügt. Die Wahllosigkeit tritt nur deshalb auf, weil jeder, der dem eigentlichen Ziel im Wege steht, ebenfalls getötet wird. Auch hier kann Richard Durn als Beispiel genommen werden. Bei seiner Einvernahme gab er an, dass er eigentlich nur den Bürgermeister töten wollte. Auch bei dem Amoklauf 1995 in einem Gericht in Urfahr (Oberösterreich) mit sechs Toten kamen Unbeteiligte zum Handkuss. Die Täter dieser Gruppe sind meist jüngere, passiv aggressive und intoxikierte Männer. Die Taten sind weit weniger geplant und daher oft ungezielt. Die Opfer haben hier mehr Überlebenschance (50%). Nur 20% der Täter dieser Gruppe begehen Selbstmord.

Natürlich gib es auch Mischtäter, also jene die bekannte und unbekannte Menschen als Ziel anvisieren. Nach Erledigung des primären Zieles, das sind immer bekannte Personen, werden Unbekannte die zufällig in der Nähe des Täters sind, verletzt oder getötet. Dieser Bereich ist noch weitgehend unerforscht. Man weiß nur, dass etwa 30% dieser Täter SM begehen.

GIBT ES PRÄVENTION GEGEN AMOKLAUF?

Wenn man ein grobes Raster über die Bevölkerung legt, scheint es kaum möglich zu sein potentielle Amokläufer frühzeitig zu erkennen. Wenn man bedenkt, dass man in unserer Gesellschaft mit etwa einem Prozent Psychosen und 10% psychisch auffälligen rechnen muss, für wahr keine positive Aussicht einen tatsächlichen zukünftigen Amokläufer zu erkennen. Da ja das Mobbing, die Kränkung, die Ungerechtigkeit die dem Täter scheinbar angetan wird, für andere Personen nicht nachvollziehbar ist, kann hier kein Ansatzpunkt gefunden werden. Eine „Rasterfahndung“ nach einem zukünftigen Amokläufer ist eine Wunschvorstellung.

Die Change einen „Familientäter“ zu erkennen ist noch geringer. Da sich ja die Aufschaukelung innerhalb der Familie abspielt und kaum nach außen dringt, müsste die Familie, die ja der Auslöser ist, die Situationen selbst erkennen – wohl eher unwahrscheinlich.

Das Erkennen von s.g. Schulhoftätern hätte da schon eher Chancen. Aufmerksame Lehrer, Eltern, Mitschüler könnten ein Abgleiten des potentiellen Täters in eine eigene irreale Welt verhindern.

Egal wo auf der Welt ein Delikt mit einer Schusswaffe begangen wird, irgendwo steht ein Politiker auf und verlangt die Abschaffung aller privaten Schusswaffen. Nicht nur in den USA ein unmögliches Verlangen. Mehrere Amoktaten hätten zwar tatsächlich verhindert werden können, nur von einem generellen Verbot wären nur die legalen Waffenbesitzer betroffen. Man weiß aber, dass die überwiegende Mehrheit der Delikte mit illegalen Schusswaffen begangen wird. Man weiß auch dass bereits japanische Schwerter bei Amokläufe verwendet wurden. Besser ist es die Waffenverwahrung rigoros durchzuführen und zu kontrollieren. Im Fall von Tim Kretschmer lag eindeutig ein fahrlässiges Verhalten des Vaters und Waffenbesitzers vor, gleiches war bei dem österreichischen Täter in Zöbern. In Östereich wurde als Folge dieser Tat das Waffengesetz wesentlich verschärft und beinhaltet jetzt nicht nur die unangekündigte Überprüfung des Waffenbesitzers und die Verwahrung der Waffen, sondern auch einen psychologischen Test. Ob diese Maßnahme zielführend ist, darf bezweifelt werden, denn meist besteht die psychologische Untersuchung nur im Ausfüllen eines Fragebogens und Jäger sind davon sowieso befreit.

Einen anderen Weg hat dagegen die Schweiz eingeführt. Nach dem Attentat in Zug (27.9.2001, 15 Tote) hat man eine s.g. „Querulantenliste“ eingeführt. Ausgehend von dem Wissen, dass niemand aus dem Stegreif Amoktäter wird, registriert man Personen, die durch Drohungen bei Arbeits-, Sozialämtern und ähnlichen Institution auffallen. Drohbriefe an Politiker werden nicht mehr folgenlos in den Papierkorb geworfen, sondern der Bundeskriminalpolizei übergeben. Durch die Abgleichung der Droher mit weiteren Kriterien will man mögliche Täter erkennen.

Als probates Mittel gegen Amokläufer bieten sich somit eigentlich nur mechanische oder technische Schutzmaßnahmen an. Es bedurfte auch in Österreich eines Amoklaufes in einem Gericht, um diese nun mit Eingangskontrollen und Sicherheitspersonal zu versehen. Wie man tausende Kinder und Lehrer bei jedem Betreten einer Schule kontrollieren will, hat noch niemand beantwortet. Abgesehen davon müsste jede Schule rund um die Uhr von Sicherheitspersonal bewacht werden, somit auch eine unrealisierbare Wunschvorstellung.

Gibt es also kein Mittel um zukünftig weitere Amokläufe zu verhindern? Grundsätzlich nein, denn auch andere Delikte sind trotz möglicher Maßnahmen unausrottbar. Was aber geschehen kann ist eine Umdenken der Gesellschaft. Wenn weiterhin die Gewalt in Schulen bagatellisiert wird, wenn weiterhin nichts gegen die sinkende Hemmschwelle Gewalt auszuüben getan wird, dann darf man sich nicht wundern, wenn wieder ein gestörter Mitmensch seine „Peiniger“ umbringt.

Richard Benda

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