Brandstiftung durch Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr

 

29.10.2009

Fachartikel VKÖ: Sicherheitsfachwirt (FH) Frank D. Stolt  MSc, MSc, MA, MIFireE / Mannheim

  

Die populär gewordene Begriffe von der Pyromanie oder den Feuerteufeln sind in vielen Fällen von Serienbrandstiftungen irrelevant und sollten nur mit Zurückhaltung und differenzierten Erläuterungen verwendet werden. Dazu gehören auch die Brandstiftungen durch Angehörige Freiwilliger Feuerwehren.

 

Der Schock sitzt dann sehr tief, wenn es einen Brandstifter in den eigenen Reihen gibt. Groß ist die Erleichterung, wenn der oder die Täter gefasst werden. Auf der anderen Seite ist es jedoch eine Katastrophe für das Ansehen der betroffenen Freiwilligen Feuerwehr. Viele der Feuerwehrleute und Führungskräfte stellen sich dann die Fragen: Wie sind solche Taten motiviert? Ist es brennende Leidenschaft, wenn Feuerwehrmänner zündeln? Neigen Angehörige der Feuerwehr mehr als andere Personen zur Brandstiftung?

Der Anteil von Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr unter den Brandstiftern ist weit geringer als es laut den Medien den Anschein hat. Für die ist der Mann der einen Hund beißt weitaus interessanter als ein Hund der einen Mann beißt. Dies gilt eben auch für Lehrer und Priester als Kinderschänder oder als Sammler von Kinderpornografie, patientenmordendes Pflegepersonal, Mütter die ihre Kinder aussetzen oder ermorden, Polizisten als Bankräuber und eben Feuerwehrmänner als Brandstifter. Gerade der Altruismus in diesen Berufen sowie die öffentliche Anerkennung sind es, die Nachrichten über das Fehlverhalten einzelner aus diesen Gruppen für die Medienmacher so wichtig machen.

Bei den über 24.000 Freiwilligen Feuerwehren, 800 Werkfeuerwehren und 100 Berufsfeuerwehren gibt es in Deutschland rund 1,3 Millionen aktive Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen - „Schwarze Schafe“ sind leider nicht völlig auszuschließen.

Jährlich ereignen sich in Deutschland über 180.000 Brände, die von den Feuerwehren gelöscht werden. Nach Angaben der Versicherungen ist jeder fünfte Brand auf vorsätzliche Brandstiftung zurückzuführen, also vermutlich 36.000 Brände pro Jahr.

Nach einer Faustregel gibt es quer durch alle Bevölkerungsgruppen rund 10 % Abweichler, also Menschen mit Besonderheiten, die sich vom Durchschnitt der „normalen" Gruppe unterscheiden. Hiervon ist die Feuerwehr prinzipiell nicht ausgenommen, obwohl Feuerwehrleute nicht dem repräsentativen Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen: Sie sind überdurchschnittlich einsatzbereit, pflichtbewusst und körperlich belastbar. Jährlich werden in Deutschland etwa ein Dutzend Fälle bekannt, bei denen ein Feuerwehrmann Brandstifter war. Dies entspricht etwa 0,3 Promille aller Brandstiftungen bzw. einem Verhältnis von 1:3.000.

In den meisten Fällen gibt es bei der Feuerwehr keine Hinweise auf einen Brandstifter in den eigenen Reihen. Die Kollegen und Kameraden sind daher über ein derartiges Fehlverhalten eines Feuerwehrmannes erschrocken. Sie gehen auf Distanz, suspendieren den Brandstifter sofort vom Dienst und schließen ihn aus der Wehr aus.

Hieraus und aus weiteren von uns erfassten Daten ergeben sich darüber hinaus Schlüsse auf die Tatumstände und die Täterschaft von Angehörigen der FF als Brandstifter. Sie heben sich in einigen wesentlichen Punkten von anderen Brandstiftern dadurch ab, dass sie nicht suizidal gefährdet sind, Beziehungsstörungen einen geringeren Stellenwert einnehmen und der Vater oft als übermächtig und autoritär empfunden wird.

Für die Erkennung von potenziellen und tatsächlichen Brandstifter in der FF gibt es einige Risikopunkte: u.a. Alter unter 25 Jahren, wenige Jahre Mitgliedschaft  in der FF, durchschnittliche bis schlechte schulische Leistungen, schlechte berufliche Situation, Minderwertigkeitsgefühle, Übereifer in der Feuerwehr, rasche Anwesenheit bei „verdächtigen Bränden“, übertriebene Schilderungen der eigenen Leistungen bei der Brandbekämpfung, Meldung des Brandes, Vorstrafen wegen Missbrauchs von Notrufen oder Brandstiftung sowie Alkohol- und oder Drogenmissbrauch.

So interessant auch weiterhin die Analyse der Täterschaft bei Brandstiftungen sein dürfte, so schien es doch ebenso interessant die Aufmerksamkeit vom Täterzusammenhang auf die spezifischen sozialen und rechtlichen Verhältnisse in den Freiwilligen Feuerwehren und deren institutionelle Bedingungen umzulenken. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass bestimmte Gruppensituationen in Freiwilligen Feuerwehren und ihr jeweiliges Umfeld eher Angehörige zu Brandstiftung animieren als andere.  

Trotz rückläufiger Brandeinsatzzahlen steigen die Anforderungen an Feuerwehrleute. Der Aufwand bei der Aus- und Weiterbildung sowie die Anforderungen im Einsatz stehen zunehmend in einem Missverhältnis. Insbesondere junge Feuerwehrmänner fühlen sich unterfordert und frustriert. Hinzu kommt, dass oft in den Wehren ein generationsübergreifender Austausch nicht stattfindet. Die „alten Kämpfer“ schwärmen nicht nur in Biertischlaune den „Neuligen“ von ihren längst vergangenen großen Zeiten vor und erschaffen so immer neue  „Heldenmythen“. Doch die Realität sieht eben oft anders aus. Mangelnde Möglichkeiten sich im Einsatz zu beweisen, zusätzliche Enttäuschungen durch nicht transparente oder ungerechte Beförderungen, die Rückstellung von der Entsendung zu Lehrgängen oder der Wille etwas „Gutes“ für die Feuerwehr zu tun,  provozieren dann nicht selten bei labilen Persönlichkeiten die Bereitschaft für eine Brandstiftung.

Der sehr geringe Anteil von Frauen – obwohl in den letzten Jahren zunehmend - und Migranten bzw. Person mit Migrationshintergrund und die Auswirkungen dieser Umstände auf die Gruppenverhältnisse muss noch weiter untersucht werden.  

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang birgt die Organisationsform der Freiwilligen Feuerwehr als Verein bereits selbst in sich. Die Mitgliedschaft in der FF ist neben einigen formalen Kriterien (z.B. Volljährigkeit, Gesundheitstauglichkeit) von keinen überdurchschnittlichen Fähigkeiten des Bewerbers abhängig, wie dies zum Beispiel in einem Sport- oder Schachverein von Bedeutung wäre. Die Freiwilligen Feuerwehren stehen also jedem/jeder offen. Eine Auswahl der Bewerber über speziell geforderte kognitive, physische, motorische oder soziale Fähigkeiten findet nicht statt. Dies hatte zur Folge, dass in den letzten Jahrzehnten mit allgemein erheblichen Rückgängen bei der Mitgliedschaft in anderen Jugendorganisationen die Jugendfeuerwehren und im Übergang die Freiwilligen Feuerwehr keinen Mitgliedermangel zu beklagen hatten. Dies hat sich in den letzten Jahren zwar etwas relativiert. Dennoch bleibt die Bewerberzahl trotz der Rückläufigkeit im Vergleich mit anderen Organisationen weiterhin hoch. Allerdings ist muss dafür mit einem hohen Preis gezahlt werden, nämlich dass die Auswahl der Bewerben nur sehr oberflächlich geschehen kann. Hinzu kommen der Datenschutz und die fehlenden Rechtsgrundlage für die Einholung von weitergehenden Auskünften über den heranwachsenden Bewerber. Diese Maßnahmen sind ausschließlich der Polizei und dies auch nur bei konkreten Verdachtslagen vorbehalten. Es kommt hinzu, dass Präventionsansätze zur Verhinderung von Brandstiftungen durch Angehörige der FF bisher kaum vorhanden sind. Aufbauend auf ein neuseeländisches Konzept, dass die Aufnahme von potentiellen Brandstiftern in die Feuerwehr wirkungsvoll verhindern soll, wird seit den 90er Jahren nach einer Serie von Brandstiftungen durch 11 Angehörige der FF bei der Feuerwehr Köln ein Präventionsprogramms angewandt. Grundlage ist ein formelles Auswahlverfahren mit den drei Hauptelementen: Bewerbungsformular, Polizeiliches Führungszeugnis und eine strukturierte Interviewvorlage für das Aufnahmegespräch durch die Wehrleitung.

Hier sollen einige besonders wichtig erscheinende Befunde als Anregungen für Präventionsmöglichkeiten zusammenfassend kurz dargestellt werden. Generell gilt jedoch, dass akzeptiert werden muss, dass mögliche Fehlentwicklungen in der Persönlichkeitsentwicklung bzw. Sozialisation nicht auszuschließen sind. Aus diesem Grund werden auch trotz aller Bemühungen sich Brandstiftungen aus den Reihen der Freiwilligen Feuerwehren nicht verhindern lassen.   Folgende Ergebnisse können hingegen als gesichert gelten.

Brandstiftungen aus den Reihen der FF werden derzeit ausschließlich von jüngeren männlichen Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr verübt und diese sich durch besonderes Engagement beim Löschvorgang verbunden mit ihrem Geltungsstreben hervortun.

Das vorherrschende Motiv ist Drang nach sozialer Anerkennung. Die Brandlegung ist insofern nur Mittel zum Zweck. Anders als bei anderen Brandstiftern steht nicht die Inbrandsetzung im Mittelpunkt sondern das Löschen. Das Löschen, d.h. das sich hervortun beim Löscher ist die Voraussetzung für die mögliche spätere soziale Anerkennung.    

Die Prävention sollte also bereits beim Übergang von der Jugendfeuerwehr bzw. dem Beitritt oder Wechsel beginnen. Diese Bewerber sollten bei der Aufnahme in der Freiwillige Feuerwehr intensiv betreut und begleitet werden, z.B. durch Tutoren.

Die Klassifizierung und Typologisierung von Täterprofilen bei dieser Personalauswahl erscheint als ungeeignet und wenig hilfreich. Daher wird ein umfassendes „Screening“ der Bewerber wie bei einer medizinischen Vorsorgeuntersuchung nicht möglich sein und als geeignetes Vorgehen abgelehnt.

Zusätzlich sind im laufenden Dienstbetrieb präventive Maßnahmen erforderlich. In einer Zeit abnehmender materieller, finanzieller und personeller Ressourcen muss die strategische Einbindung der Freiwilligen Feuerwehren in neue Konzepte für den Brandschutz  überdacht werden. Dabei sollten gezielt die Stärken des Ehrenamtes und die Motivation der Feuerwehrangehörigen einbezogen werden.

Darüber hinaus muss die Feuerwehr in ihrer Organisation auf diese sich verändernde Wirklichkeit vorbereitet sein.  Eine entscheidende Bedeutung kommt dabei dem Gruppenklima sowie der Führungstätigkeit zu. Das Problem Brandstiftung durch angehörige der FF darf weder heruntergespielt noch tabuisiert werden. Grundsätzlich muss unmissverständlich Klarheit über die Haltung in der Mannschaft sowie der Feuerwehrleitung zur Problematik der Brandstiftung  durch Feuerwehrangehörige bestehen.

Ein weiterer und nicht unwesentlicher Gesichtspunkt ist die Sensibilisierung der Führungskräfte von Freiwilligen Feuerwehren. Aus diesem Grund sollten auch für die Aus- und Fortbildung von Führungskräften der Feuerwehren neue Schulungskonzepte, die sich speziell auf diese Problematik beziehen, entwickelt werden.