DIE RÜCKKEHR DER ELENDSKRIMINALITÄT  

 

25.02.2009

Kommentar VKÖ: Richard Benda

 

Warum wird ein Mensch kriminell? Die Antwort auf diese Frage ist noch immer offen. Eine Ursache die in den letzten Jahren in Vergessenheit geriet – Armut und Elend – könnte aber, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert, wieder in Erscheinung treten.

 

Niemand muss kriminell werden um seine vitalen Lebensgrundlagen zu befriedigen, so die allgemeine Meinung auf unserem Kontinent. Leicht möglich, dass diese vorherrschende Meinung demnächst revidiert werden muss. Die weltweite Finanzkrise mit Bank- und Börsencrashs könnte sehr wohl zur Verelendung von Menschen führen, denn ihre Pensionen könnten mit den privaten Instituten, denen sie ihre Vorsorge anvertraut hatten, untergehen. Die Verschlechterung der Lebensumstände weiter Bevölkerungskreise durch steigende Preise, Arbeitslosigkeit und Überschuldung, bringt auch Erinnerungen an die Situation am Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Ärmere Bevölkerungsschichten flüchteten damals in Kriminalität und Prostitution um zu überleben. Als Folge der sozialen Verwerfung veränderte sich auch das Kriminalitätsgefüge, anzunehmen, dass es heute nicht anders wäre. Anzunehmen dass das heutige soziale Netz Elend in der krassen Form vergangener Jahrhunderte gar nicht aufkommen läßt. Mag sein, besser ist es aber diese Entwicklung in Betracht zu ziehen und durch organisatorische und personelle Maßnahmen bei den Strafverfolgungsbehörden entsprechend zu parieren.

 

Um etwaige Entwicklungen berechnen zu können, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. Wie haben sich die vor einem Jahrhundert grassierende Massenarbeitslosigkeit und das daraus resultierende Elend auf die Kriminalität ausgewirkt? Belastete die verschlechterte wirtschaftliche Situation in den 20er Jahren alle Delikte gleichmäßig, oder nur gewisse?

 

ARBEITSLOSIGKEIT ALS KRIMINALITÄTSAUSLÖSER

 Ausgangspunkt für Armut und Elend ist, und das steht außer Frage, auf jeden Fall 

Arbeitslosigkeit. Interessanterweise gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts Untersuchungen  über die Auswirkung von Arbeitslosigkeit auf die Kriminalität. So stellte Wh. Russel 1847 in England fest, dass der Kriminalitätsanstieg im Jahre 1842 mit einer allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Situation zusammenfiel. Beim folgenden Aufschwung nahm die Kriminalität wieder ab. Zum gleichen Ergebnis kam der Belgier Quetelet, er stellte 1869 fest, dass durch Arbeitslosigkeit verursachtes Massenelend zum Anstieg der Kriminalität führte. Georg von Mayr verglich die bayerische Kriminalitätsstatistik von 1835 bis 1861 mit der Höhe des Roggenpreises. Er kam zu dem Ergebnis, dass jede Erhöhung des Roggenpreises – und damit des Brotpreises – zu einem mehr an Diebstählen führte. Der Brotpreis alleine wird heute wohl kaum die Kriminalstatistik beeinflussen, gestiegene Preise führen aber zu Armut und diese wieder (möglicherweise) zu Kriminalität. Auch Friedrich Engels, einer der Altväter des Kommunismus, versuchte sich an dem Thema. Er stellte fest, dass sich die Kriminalität in Wales und England von 1805 bis 1842 versiebenfacht hatte. Er führte das auf die totale Not des im Elend lebenden Proletariats zurück.

B. Gleitze, der die Auswirkung der Weltwirtschaftskrise (1929 – 1932) untersuchte, war einer der Ersten, der differenzierte. Gleitze stellte fest, dass Arbeitslosigkeit, die zu dieser Zeit zwangsläufig zu wirtschaftlicher Not führte, unterschiedliche Auswirkungen auf die Kriminalität hatte. Er unterschied drei Deliktsgruppen:

* Delikte mit ansteigender Kriminalität bei Depression (Hausfriedensbruch, Fahrlässigkeitsdelikte)

* Delikte mit sinkender Kriminalität in der Depression (Mord, Münzdelikte, Dienstdiebstahl)

* und Delikte ohne wesentlichen Einfluss durch die Wirtschaftslage (Verleumdung, Personenstandsdelikte).

 

Das Problem einen  Zusammenhang beweisbar zu machen, ergibt sich vor allem daraus, dass Statistiken unterschiedlich sind und laufend verändert werden. Betroffene Personen werden auch nicht sofort nach Arbeitsverlust kriminell oder sie werden erst als Täter ausgeforscht, wenn sie bereits wieder im Arbeitsprozess sind. Nachweisbar ist aber, dass unter Arbeitslosen auffällig viele Wiederholungstäter sind. Das Motiv einer Straftat scheint üblicherweise im Polizeiakt auf, wird aber kaum statistisch verwertet. In vielen Ländern wird der wirtschaftlichen Situation des Täters überhaupt keine Bedeutung beigemessen. In anderen Ländern wird sie zwar für das Strafausmaß als Größe herangezogen, scheint aber in keiner Statistik auf, kann also kaum nachvollzogen werden. Die Feststellung von Armut und Elend als Kriminalitätsauslöser ist daher statistisch kaum beweisbar.

 

Wie soll man also die tatsächliche Auswirkung von Armut und Elend auf die Kriminalität feststellen? Eine Ersatzlösung sind sozialwissenschaftliche Studien, die aber meist nur am Rande, auf strafrechtliche Folgen eingehen.

Arbeitslosigkeit führt erst nach einer gewissen Zeitspanne zu wirtschaftlicher Not und Armut. Bis Elend, also die Schwierigkeit selbst die Grundbedürfnisse des Lebens befriedigen zu können, auftritt, vergeht wieder eine gewisse Zeit. Üblicherweise versuchen die Menschen eine Einschränkung der Lebensverhältnisse als Überlebensstrategie. Bei manchen Menschen gibt es aber irgendwann einen gewissen Knackpunkt, nach dem kriminelles Handeln als Ausweg aus der Situation angesehen wird. Die Frage ist nur, wann tritt dieser Punkt ein und durch welche Umstände wird er begünstigt? Einige Soziologen haben sich mit dem Thema schon befasst und sie kommen übereinstimmend zu der Ansicht, dass Armut alleine nicht der Auslösefaktor von Kriminalität ist. Einhergehender Alkoholmissbrauch und vor allem das Umfeld in dem die Person lebt, sind wichtige Faktoren. So stellte man fest, dass die Auswirkung bei intakten Umfeldverhältnissen in kleinen Gemeinschaften, also in Dörfern, geringer ist, als bei anonymen, also in der Stadt. Wesentlich ist auch, dass man zwischen individueller Kriminalität von einzelnen Person und spontanen Ausbrüchen krimineller Handlungsweisen einer Personenmehrheit unterscheiden muss. So kam es in der Elendszeit vor und nach dem 1. Weltkrieg (1911 und 1919) zu Hunger- und Teuerungsdemonstrationen mit Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, die individuelle Kriminalität veränderte sich dagegen aber kaum.

Eine 1976 veröffentliche Langzeitstudie aus den USA kommt zu dem Ergebnis, das nicht die absolute wirtschaftliche Einbuße, sondern der Verlust des sozialen Status kriminalitätsfördernd ist.

Wie bei der Massenarbeitslosigkeit, ist auch bei Elend weiter Bevölkerungskreise augenscheinlich keine allgemeine Zunahme der Kriminalität erkennbar. Bei der Durchforstung historischer Akte im Wiener Kriminalmuseum wurde kein einziger Mordakt gefunden, in dem der Täter aus Not oder Elend gehandelt hat. Die Täter dieses Generes handeln zwar häufig aus wirtschaftlichen Gründen, aber nicht um wirtschaftlichen Not zu entrinnen, sondern um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Das Fehlen entsprechender Akte anderer Sparten ist leicht erklärbar: Not und Elend steigerte möglicherweise nur die Anzahl der Delikte, die wir heute unter dem Begriff „Kleinkriminalität“ (Ladendiebstahl etc.) subsummieren und solchen Akten billigte man keinen historischen Wert zu, also vernichtete man sie nach einiger Zeit. Ein weiterer Grund warum man zwangsläufig auf sozialwissenschaftliche Studien zurückgreifen muss.

 

Als Klassiker einer sozialwissenschaftlichen Studie, welche die Situation einer Bevölkerung in Not und Elend beurteilt, gilt „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahr 1933. Marienthal, eine 1.500 Seelen-Gemeinde im Osten von Wien, beherbergte in ihrem Gebiet die größte Textilfabrik Österreich-Ungarns mit 1.200 Beschäftigten, der gesamte Ort war von einer einzigen Fabrik abhängig.  Mit dem Ende der Monarchie verlor der Betrieb seinen Absatzmarkt, mit der Weltwirtschaftskrise 1929 war der Niedergang abgeschlossen. Das ganze Dorf war ohne Arbeit. Da nach maximal einem Jahr die staatliche Notstandshilfe eingestellt wurde, verelendete das Gebiet innerhalb kürzester Zeit. Ein Ausweichen war kaum möglich, denn auf Grund der Weltwirtschaftskrise zogen bereits hundertausende Wanderarbeiter durch die Länder, die selbst unter elendsten Bedingungen vegetierten. Eine Gruppe von Soziologen unter Paul Lazarsfeld verwendete das Dorf als Studiengebiet zur Erforschung psychischer und sozialer Folgen von Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Armut.

 

AUSWIRKUNG VON ELEND AUF DIE KRIMINALITÄT

Vor allem wollte man wissen ob Elend zu Apathie oder Radikalität führt. Dass dies auch wesentliche Auswirkungen auf die Bereitschaft zu Kriminalität hat, war nur ein Nebenaspekt. Nur ein Teilbereich der Studie befasste sich auch mit den kriminellen Auswirkungen der tristen Situation der Bevölkerung.

Allgemein stellte man bei den Menschen eine abgestumpfte Gleichmäßigkeit fest. Die Mehrheit lehnte sich nicht auf, wurde also nicht radikal, sondern versank in Apathie.

Die Soziologen orteten jedenfalls in Marienthal keine sichtbare Steigerung der Kriminalität. Es ist lediglich von „kleinen Diebstählen“ und „Kohlediebstählen“ die Rede, ein Hinweis, dass Kleinkriminalität als Überlebensstrategie angewendet wurde. Alles in allem kümmerte sich niemand um Kriminalität als Randbereich des größeren Problems Hunger und Elend.

 

Eine Studie über die Frauenkriminalität in der Ausnahmesituation von 1914 – 1924 zeigt eine Zunahme der Delikte die durch Frauen begangen wurden. Wie auch in der Marienthalstudie zeigt es sich, dass in der Zeit des Elends Frauen auf die Umstände weniger apathisch reagieren als Männer und auch kriminell werden wenn sie die Familie nicht legal versorgen können.

 

Nicht alle Erkenntnisse stammen aus den vergangenen Jahrhunderten. Amy Glasmeier von der Pennsylvania State University, die sich mit Armut und ihren Folgen befasst, sieht außer mehr Scheidungen und Gesundheitsproblemen steigende Gewalt in den Familien als Folge von Armut voraus.

2007 waren laut dem US-Statistikbüro 37,3 Millionen Menschen in den USA arm – und dies obwohl etwa ein Drittel davon arbeitet. (Als arm gilt in den USA wer weniger als 21.000 US-$ im Jahr verdient) Glasmeier meint, dass diese Zahlen nur die halbe Wahrheit ausdrücken, denn sie enthalten nicht Obdachlose und Immigranten, gerade diese Menschen seien aber von Elend besonders betroffen. 20 Millionen Arbeitsplätze, so nimmt man an, werden durch die Finanz- und Wirtschaftskrise verloren gehen, was heißt, dass weitere Menschen in Armut, eventuell sogar in Elend verfallen. Und diese Massen von Menschen, die ihre soziale Position verlieren, sollen ohne Einfluss auf das Kriminalitätsgefüge bleiben?

12,6% der Österreicher gelten als armutsgefährdet,  310.000 Menschen fallen in die Kategorie arm. Die Zahl könnte auf etwa 500.000 steigen, meinten die Teilnehmer einer Armutskonferenz, wenn die Kosten von Energie und Lebensmittel weiter ansteigen. Wie viele werden davon kriminell werden? Sofern sich die Geschichte wiederholt, wird es ein Ansteigen der Kleinkriminalität geben. Gewalt in der Familie, Fahrlässigkeitsdelikte unter Alkoholeinfluss, Ladendiebstahl, Diebstahl von Feldfrüchten und andere Kleindelikte werden eine Zunahme erfahren, keine wirkliche Gefahr also.

Kann man damit das Kapitel Armut und Kriminalität als unwesentlich abhaken? Nun, nicht ganz, denn wie wir aus der Geschichte wissen, verursacht Armut und Elend auch politische Veränderungen. Radikalen Parteien, die angeblich einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere anboten, erhielten massenhaften Zulauf. Der rasante Aufstieg der NSDAP nach der wirtschaftlichen Krise in den 20er Jahren kann wohl als allgemein bekannt angesehen werden. Hätte es zu dieser Zeit nicht Millionen von Arbeitslosen, Ausgesteuerten und Elenden gegeben, wie hätte dies die Geschichte verändert? Die Gefahr, dass sich die verarmte Masse nicht individueller Kriminalität zuwendet, sondern durch radikale Gruppen geschürt, gewalttätigen Ausschreitungen und Pogrome gegen angebliche Verursacher des Elends veranstaltet, ist das wirkliche Problem. Massenelend war und ist ein Sicherheitsrisiko und bedarf weit mehr als polizeilicher oder sicherheitstechnischer Maßnahmen.

 

Richard Benda

 

 

 

 

„Die Bekämpfung von Armut ist auch Kriminalitätsprävention“     - Zitat