Wirtschaftskriminalität: DIE EINEN STEHLEN, DIE ANDEREN BETRÜGEN

 

01.05.2009

Fachartikel VKÖ

„Schuld sind die Manager“ tönt es aus allen Ecken wenn das Gespräch auf die Wirtschaftskrise kommt. Tatsächlich verdienen manche Manager oft mehr als die ganze Belegschaft zusammen, obwohl ihre Firmen Schulden in astronomische Höhen angesammelt haben. Das allein ist vielleicht moralisch verwerfbar, aber nicht kriminell. Nach dem Motto abkassieren solange es noch geht, gibt es aber genug asoziale leitende Angestellte die betrügen und stehlen wie und wo es nur geht.

Grundsätzlich muss man vorerst zwischen Missmanagement und kriminellen Aktivitäten unterscheiden. Die meisten Firmenbankrotte der letzten Monate fallen meist in die Kategorie „Unfähigkeit der Manager“, sie sind daher, solange nicht Bilanzen gefälscht, Insidergeschäfte abgewickelt oder andere kriminelle Aktivitäten vorliegen, nicht in die Kategorie Wirtschaftkriminalität einzureihen. Daneben gibt es aber eine genügende Anzahl von Firmenbankrotten die nicht auf die Dummheit der Entscheidungsträger, sondern auf deren kriminelle Ader zurückzuführen sind.

Eigentlich sollte man glauben, dass Wirtschaftskriminalität auf der ganzen Welt gleich abläuft, dem ist aber nicht so. Eine Studie (A Theory of Corporate Scandals: Why the US and Europe differ“) des Rechtsprofessors John Coffee von der Columbia Universität belegt dies.

Betrachten wir den größten Kriminalfall der USA, den Fall Enron. Hier hat das Management die Aktienkurse mit falschen Bilanzen künstlich in die Höhe getrieben. Zum geeigneten Zeitpunkt wurden von den Managern die eigenen Aktien verkauft, der normale Anleger sah sich plötzlich dagegen mit fast wertlosen Wertpapieren konfrontiert. Enron war aber nur die Spitz des Eisberges. Seit 1997 zogen zehn Prozent der börsennotierten Firmen ihre Bilanzen zurück, weil sie als fehlerhaft, sprich beschönigend, erkannt wurden. Meist wurden überhöhte Umsatzzahlen angegeben, die eben den Wert der jeweiligen Gesellschaft ausmachen. Man schätzt, dass damit etwa 100 Milliarden Börsenwert vorgegaukelt worden waren. Die nach unten korrigierten Umsatzzahlen gelten in den USA als Eingeständnis des Betruges. „Cui bono?“ – wem nützt es – lautet die Frage. Warum treiben Manager den Wert eines Unternehmens künstlich in die Höhe? Die Antwort ist einfach: 1. Ist der Großteil der Manager selbst im Besitz von Aktien des Unternehmens und profitiert damit am steigenden Wert. Da die Manager auch die Ersten sind, die das Abgleiten der Kurse erkennen, können sie rechtzeitig und damit mit Gewinn verkaufen. 2. In den USA sind die meisten Managergehälter an dem Börsenkurs des Unternehmens fixiert. Hoher Börsenkurs – mehr Gehalt. Ein amerikanischer Manager hat 1990 im Schnitt 1,25 Millionen Dollar im Jahr verdient, dank steigender Aktienkurse waren es 2001 bereits 6 Millionen. US-Manager verdienen damit das 530fache eines Durchschnittsverdieners, 1960 war es nur das 20fache. Ein gelinkter Börsenkurs führt damit zwangsläufig zu einem höheren Salär. Zusammenfassend führt das zu der These: Wirtschaftskriminalität in den USA wird von Managern durch Betrug ausgeführt .

Kommen wir nach Europa. Im Gegensatz zu den USA, wo die Aktien innerhalb der Bevölkerung breit gestreut sind, liegt die Aktienmehrheit in Europa mehrheitlich in der Hand von s.g. Shareholdern. Diese Großanleger sitzen meist auch selbst oder durch einen Vertreter im Aufsichtsrat und haben damit auch direkten Einfluss auf das Unternehmen. Kleinanleger spielen in Europa eine weitaus kleinere Rolle als in den USA. Auch die Macht und das Einkommen der Manager ist weitaus geringer als in den USA. Ein französischer Topmanager verdient das 16fache eines Angestelltengehaltes, ein deutscher sogar nur 11x mehr. Ein Betrug durch Manipulation der Umsatzzahlen ist daher schwer möglich, da die Manager unter der Aufsicht der eigentlichen Eigentümer stehen. Jene europäische Firmen die doch Kursmanipulationen durchführten, waren durchwegs auch an US-Börsen notiert, sie sind also nicht typisch europäisch.

Ein typisch europäischer Kriminalfall war dagegen Parmalat. Von den Eigentümern selbst wurden Millionensummen solange zwischen Tochter- und Subfirmen hin und her geschoben bis niemand außer den Tätern selbst mehr wusste wo das Geld ist. In Wirklichkeit verschwand es auf den Privatkonten der Eigentümer selbst. Man könnte es auch so ausdrücken: In Europa bestehlen die Eigentümer ihre eigene Firma

In einem Punkt laufen Wirtschaftskriminalfälle in der „Alten Welt“ gleich wie in Übersee - der Aufsichtsrat hat versagt. Freizeitaufsichtsräte, die in Dutzenden Großfirmen nur Diäten und Gehälter kassieren, sind modernen Finanzmanipulationen nicht gewachsen. Das Nachsehen haben hie wie da tausende Kleinanleger deren Ersparnisse sich über Nacht in Luft auflösen.

Richard Benda