In den Fängen der Mafia

 

  

„Österreich in den Fängen der Mafia?“ war vor kurzer Zeit das Thema der Veranstaltung einer österreichischen Tageszeitung. Diese fand unweit jener Stelle an welcher der georgische Pate Sanikidze am 11. Juli 1996 ermordet worden war, statt. Gesprächsteilnehmer waren Max Edelbacher, Max-Peter Ratzel, Petra Reski und Jürgen Roth, als Moderator fungierte  der ehemalige Standard- Chefredakteur Gerfried Sperl.

Die in Venedig lebende Spezialistin für italienisch kriminelle Organisationen, Petra Reski, (sie schrieb u.a. die  Mafia – Bücher „Rita Atria, eine Frau gegen die Mafia“, „Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ und das im September 2010 erscheinende „Von Kamen nach Corleone: Die Mafia in Deutschland“) meinte über Österreich, dass hier Geld für die italienisch organisierte Kriminalität (IOK) gewaschen werde. Beispielhaft führte sie den Telecom-Italia-Skandal an. Hier sollen 12 (!) von insgesamt 14 involvierten Banken in Österreich gewesen sein. Als weiteren Punkt der Vernetzung führte sie den flüchtigen Mafia-Boss Messina D. an, der mit einer Österreicherin liiert gewesen wäre. Damit war ihr Vorrat an Beispielen über Zusammenhänge zwischen Österreich und der IOK bereits erschöpft.

Erstaunlich detailliertes Wissen

Jürgen Roth, der sich bereits Tage zuvor bei einer Pressekonferenz als Kenner der kriminellen Organisationen aus der ehemaligen Sowjetunion outete und den Oligarchen Deripaska als eine Person, die von kriminellen Geschäften profitiert habe, bezeichnete, erklärte wortreich, wie weit Österreich und die kriminellen Organisationen aus der ehemaligen Sowjetunion verquickt seien. Und überhaupt, so führte er aus, betraten nach der Ostöffnung diese Organisationen den Westen via Österreich, wohin sie weiterhin starke Bindungen hätten.

Interessant waren seine Ausführungen zum ehemaligen Botschafter Kasachstans in Österreich. Hier vermutet er, dass der Polizei (!) politische Fesseln angelegt wären.

Erstaunlich war sein detailliertes Wissen über die erst kürzlich den Massenmedien bekannt gegebene Aktion gegen eine georgisch organisierte kriminelle Vereinigung.

Edelbacher praxisnah

Der Jurist und ehemalige Chef des Sicherheitsbüros, Max Edelbacher, war bemüht, praxisnahe Beispiele einzuflechten. Außerdem gab er einen historischen Überblick über die Versuche des Innenministeriums und der Bundespolizeidirektion Wien, die organisierte Kriminalität durch Schaffung spezieller Einheiten effizient zu bekämpfen. Wehmütig sprach Edelbacher über die Tatsache der organisatorischen Zerschlagung dieser Einheiten.

In diesem Konnex stellten alle Gesprächsteilnehmer fest, dass eine wirkungsvolle Bekämpfung der organisierten Kriminalität nur dann möglich sei, wenn der politische Wille vorhanden sei.

Gegen Verdächtigungen

Max-Peter Ratzel, der Europol für mehrere Jahre vorstand, versuchte dem Auditorium die Stellung Europol bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität zu erklären und gab zu erkennen, dass die Arbeit von Europol abhängig von der Mitteilungsbereitschaft der einzelnen Mitgliedsländer sei und dass Europol keinerlei operative Maßnahmen in den verschiedenen Ländern selbst setzen darf. Über die Art des „Verdacht-Journalismus“, wie er von Jürgen Roth betrieben werde, äußerte sich Ratzel sehr skeptisch und fügte hinzu, dass diese Art von Journalismus kriminelle Phänomene populistisch vage aufzeige, jedoch die aufgezählten Fakten kaum Anhaltspunkte für polizeiliche Ermittlungsverfahren böten.

Keinerlei neue Fakten

Es konnten keinerlei neue Fakten zum Thema erkannt werden. Die Diskussionsteilnehmer beschränkten sich auf zwei Phänomene der organisierten Kriminalität, nämlich auf die so genannte organisierte Kriminalität aus der ehemaligen Sowjetunion und jener aus Italien.

Nicht erörtert wurden die Erscheinungsformen der organisierten Kriminalität aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, aus Albanien usw. 

So gesehen hätte die Veranstaltung eigentlich „Österreich in den Fängen der italienischen und russischen Mafia?“ heißen müssen.

Helmut Bärtl