Überfall oder späte Rache

 

14.02.2010

 

Tod eines deutschen Taxifahrers in neuem Licht

 

 

Toni  Plüschke, selbständiger Taxiunternehmer in Hessen, erhält am Samstagabend, den 15. März 1998, einen Anruf. Dieser gehört zu seinem Geschäft. Irgendwer fordert ein Taxi an. Plüschke setzt sich in seinen Wagen und fährt los. – Gleichzeitig trifft ein Unbekannter gezielte Vorbereitungen zu einem Mord.

 

Leichenfund

Als Plüschkes Leiche am Tag danach an der Bundesstrasse 84, bei der sogenannten Herbertsdelle gefunden wird, scheint es sich auf den ersten Blick um eines der typischen Verbrechen an einem Taxilenker mit tödlichem Ausgang zu handeln. Doch einiges war anders. Papiere, Bargeld und andere Wertsachen des Toten waren unversehrt. Ein Raubmord klassischen Zuschnitts war daher auszuschließen, auch ein anderes erkennbares Motiv fehlte vorerst.

Die Obduktion ergab,  dass der 59 Jahre alte Plüschke vermutlich mit einer Pistole Kaliber 22 durch einen Kopfschuss oberhalb des rechten Augesgetötet wurde. Weder die Tatwaffe, noch die Geschosshülse waren aufzufinden. Unklar war auch ob die Tat im Fahrzeug des Getöteten, oder am etwa 70 m davon entfernten Leichenfundort, begangen wurde. Sicher war nur eines, die letzten Fahrgäste konnten ermittelt werden und kamen als Täter nicht in Frage.

Vermutet wird, das es noch einen anderen allerletzten Fahrgast gab, der das Taxi auf offener Strecke anhielt und die Tat beging.

 

Plüschkes Geheimnis

Was diesen Fall so unheimlich brisant macht ist eine Vorgeschichte aus dem Leben des Toni  Plüschke. Dieser, ein ehemaliger Grenzschutzbeamter trug viele Jahre ein Geheimnis mit sich herum von dem nur wenige Menschen wussten.

Es war am 14. August 1962 als es an der damaligen Zonengrenze zwischen Hessen und Thüringen zu einem ernsten Grenzzwischenfall kam. Die DDR hatte damals alles versucht um ihre Bürger von der Flucht in den Westen abzuhalten. Der Grenzzaun mit seinem Todesstreifen zog eine unübersehbare Spur in die idyllische Landschaft zwischen Thüringen und Hessen. Dahinter auf DDR Gebiet die Minen und Stolperdrähte, die Wachttürme und Grenzposten welche jederzeit bereit waren zu schießen, wenn jemand den Versuch unternahm sich in den Westen abzusetzen.

Am Grenzabschnitt 39a in der Nähe von Geisha kommandiert ein verlässliches Mitglied der Arbeiterklasse. Hauptmann Rudi Arnstadt ist Mitglied der SED und gilt auch bei den eigenen Leuten als „scharfer Hund“ der nichts durchgehen lassen würde.

 

Nervosität

Der Offizier, lange Zeit stolz darauf, daß es in seinem Abschnitt keinen einzigen „Grenzdurchbruch“ gab, ist hoch nervös. Vor kurzer Zeit war einem Zugsführer seiner Kompanie die erfolgreiche Flucht gelungen. Nur wenig später gelang es im gleichen Abschnitt einem Pionier mit schwerem Gerät die Grenze zu überwinden.

An diesem Augusttag überprüft der Hauptmann „seinen“ Grenzabschnitt nach weiteren allfälligen Fluchtmöglichkeiten.  Dabei wird er auf der anderen Seite von Beamten des Bundesgrenzschutzes genau beobachtet. Sie verfolgen alle Bewegungen des offensichtlich unter großem Druck stehenden DDR Grenzers. Ein Offizier des Bundesgrenzschutzes befiehlt dem  damals 23 jährigen Oberjäger Toni Plüschke ihn auf seinem Kontrollgang auf westdeutscher Seite zu begleiten.

Es ist mittlerweile etwa 11.00 Uhr als sich die beiden auf gleicher Höhe mit dem inspizierenden DDR Offizier befinden. Dessen Nerven scheinen mittlerweile blank zu liegen. Heftig gestikulierend ruft er  den auf der anderen Seite der Grenze befindlichen Beamten zu sofort stehen zu bleiben. Bevor die beiden Bundesgrenzschützer noch reagieren können lädt der DDR Offizier seine Pistole durch und schießt auf sein Gegenüber.

 

Schusswechsel

Die BGS Leute werfen sich in Deckung und Oberjäger Plüschke gibt einen ungezielten Schuss in Richtung Grenze ab. Die Kugel trifft Hauptmann Arnstadt der tödlich verwundet zusammenbricht.

Die Reaktion jenseits der Grenze ist heftig. Obwohl mehrere Salven aus einer russischen Kalaschnikow in Richtung Westen abgefeuert werden schießt der Bundesgrenzschutz nicht zurück. Eine Ladehemmung beendet schließlich die Feuerstöße der NVA Soldaten. Das es nicht zu weiteren Auseinandersetzungen kommt ist dem inzwischen herbeigeeilten Kommandeur des ostdeutschen Grenzregiments zu verdanken. Er verhindert durch gezieltes Eingreifen, dass andere DDR Grenzposten das Feuer fortsetzen.

Für die Propagandamaschine des „Ersten Arbeiter-und Bauernstaates auf deutschem Boden“ war der Vorfall ein gefundenes Fressen.  Der Grenzzwischenfall wurde als Angriff auf die DDR und vorsätzlicher Mord an einem Offizier der nationalen Volksarmee dargestellt.

Im Westen wurde dieser Vorfall akribisch untersucht. Bundesgrenzschutz, die deutsche Justiz, aber auch die zuständigen Stellen der Alliierten waren intensiv bemüht, alle Unklarheiten zu beseitigen und  ein genaues Bild vom Hergang zu erarbeiten. Laut westdeutscher Darstellung hat der DDR Offizier ohne Vorwarnung in Richtung Westen geschossen. Nach eingehenden Ermittlungen wird dem Grenzschutzbeamten Plüschke offiziell attestiert, sich vollkommen korrekt und gesetzeskonform verhalten zu haben.

 

DDR  Propagandawalze

Die DDR lässt weiterhin die Propagandawalze laufen. Erst wird eine heftige Protestnote an die Regierung der Bundesrepublik gesandt. Kurze Zeit später wird Plüschke in Abwesenheit  als „gemeiner Mörder“ zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. In diesem Zusammenhang  werden auch immer wieder Andeutungen über Entführungsversuche durch die DDR Staatssicherheit bekannt.

Hauptmann Arnstadt wird in der Folge  zum sozialistischen Helden hochstilisiert. Schulen, Kindergärten, Partei -und Militäreinrichtungen werden nach ihm benannt. Die Grenzschutztruppe im Abschnitt  Geisha erhielt in der Folge den Namen „Rudi Arnstadt“  und ein entsprechendes „Ehrenbanner“.

Ganz anders erging es Toni Plüschke. Er schied 1970 nach Ablauf seiner Dienstzeit beim Bundesgrenzschutz aus und bemühte sich gleichzeitig beim deutschen  Zoll unterzukommen. Aus „Sicherheitsgründen“ wird er nicht eingestellt und macht sich anschließend mit einem Taxiunternehmen selbstständig. Mit der Zeit verblassen bei allen Beteiligen die Erinnerungen an das einst dramatische Geschehen.

 

Morddrohungen

Als vor zwanzig Jahren die Wende in der DDR begann, wird Plüschke von der Vergangenheit eingeholt. Medienvertreter interviewen ihn solange bis es zugibt der Todesschütze gewesen zu sein. Ab diesem Zeitpunkt ist es mit seiner Ruhe vorbei. Immer wieder wird er mit anonymen Rache- und  Morddrohungen konfrontiert. 

Plüschke nimmt dies nicht ernst, für ihn ist die DDR endgültig verschwunden. Kurz vor dem Mordtag wird der Taxiunternehmer wieder von einem anonymen Anrufer wegen der angeblichen Ermordung von Rudi Arnstadt bedroht, er ignoriert dies und ist wenige Tage später tot.

Seit kurzer Zeit verfolgt man offenbar neue Spuren. Unter anderem wird auch ein Traditionsverein früherer DDR Grenzsoldaten überprüft. Wie das  Magazin „Focus“ berichtet, untersuchen Spezialisten des hessischen Landeskriminalamtes derzeit Asservate des nunmehr 11 Jahre zurückliegenden Falles, mit neuen Analysemethoden auf DNA Spuren, die mit den entsprechenden Datenbanken abgeglichen werden sollen.

 

Noch immer brisant

Was den Fall nach so langer Zeit noch immer brisant macht, ist die Möglichkeit dass es sich bei der Tat um einen Racheakt ehemaliger Stasi Angehöriger handelt. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, inwieweit solche Netzwerke noch immer wirksam sind und ob sie auch für andere Taten in Frage kommen.

jwl