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Wassermangel – ein Sicherheitsproblem |
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Quelle: Bericht VKÖ
Ohne Frage, Wasser ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens. Wasser als Sicherheitsproblem wird in der Regel nur mit Überschwemmungen und Sturmfluten in Verbindung gebracht. Neu ist die Erkenntnis, dass nicht nur zu viel Wasser, sondern auch zu wenig Wasser Sicherheitsprobleme auslösen kann – und das nicht nur in Afrika oder Asien, sondern auch bei uns in Mitteleuropa.
Die menschlichen Lebensumstände unterliegen einer dauernden Veränderung. Gefahren, die vor wenigen Jahrzehnten die Menschheit bewegten, wie z.B. ein nuklearer Schlagabtausch der Großmächte, sind heute von der Tagesordnung verschwunden. Dem Szenario des 3. Weltkrieges folgte die Bedrohung unserer westlichen Zivilisation durch religiös motivierten Terrorismus. Nicht dass diese Bedrohung ebenfalls der Vergangenheit angehört, aber sie wird langsam von der Furcht einer Welt ohne Erdöl überdeckt. Zukunftsforscher aber auch Ökonomen sehen bereits eine neue, apokalyptische Gefahr für die Menschheit heraufdämmern: „Eine Welt ohne Wasser“. Wer in den regenreichen Ländern Mitteleuropas lebt und bedenkenlos täglich hunderte Liter Wasser verschwendet und auch verschwenden kann, wird die Problematik nicht erkennen. Man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass ein Problem das (noch) nicht erkannt wurde, nicht vorhanden ist. Der Wassermangel ist ein gutes Beispiel dafür.Die daraus resultierenden Folgen fallen unter den erweiterten Sicherheitsbegriff, obwohl die für die Allgemeinheit sichtbaren Folgen heute noch nicht erkennbar sind. Wassermangel wird immer mehr zum globalen Phänomen, gegen das die industrialisierten Länder nicht immun sind. Vom Menschen verursacht Bevor man sich mit sicherheitspolitischen Folgen von Wassermangel, vor allem von Mangel an Trinkwasser, befasst, muss man sich die derzeitige Situation auf diesem Gebiet klar machen. Die Experten sind sich mehr oder weniger darüber einig, dass der Mangel an Wasser vom Menschen selbst verursacht wird. Das Bevölkerungswachstum, die Produktion von höherwertigen Lebensmitteln (Fleisch), Wirtschaftswachstum mit industrieller Nutzung von Wasser, sorgloser Umgang und nicht zu vergessen die Wasserverschmutzung, haben dazu geführt, dass das Angebot an brauchbarem Wasser rapide zurückgeht. Dieser Wassermangel führt zu einem Sinken der Lebensmittelproduktion Diese wieder zu Nahrungsmittelknappheit und in der Folge zu einer Versorgungskrise. Wassermangel und Lebensmittelknappheit können daher nicht getrennt betrachtet werden. Janelle Plummer von der Weltbank meint, dass die Lebensmittelproduktion aus Wassermangel in den nächsten Dekaden um etwa 25% zurückgeht. Leicht möglich, denn etwa 40% der Lebensmittelproduktion werden mit künstlicher Bewässerung erwirtschaftet.
Kampf um Wasser Die Situation im südlichen Afrika zeigt uns aber nicht nur die menschliche Seite des Problems, sondern auch das daraus entstehende gefährlichste. Die Kriege in dieser Region, die gerne auf Stammesfehden reduziert werden, sind auch ein Kampf um Wasser. Wasser ist zur strategischen Waffe geworden. Keine neue Situation, denn schon in der Antike hat man ganze Armeen zum Stehen gebracht, indem man die Brunnen am Marschweg vergiftet hat. Die Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern ist auch ein Kampf um die geringe Ressource Wasser. Israel hat den Jordan und den Lithanifluss fast zur Gänze auf eigene Felder umgeleitet und beansprucht fast alle Quellen. Die Folge ist ein permanenter Wassermangel im Gebiet der Palästinenser. Eine militärische Konfrontation zwischen der Türkei und dem Irak ist nicht ganz ausgeschlossen, denn die Türkei hat in Anatolien den Euphrat aufgestaut und entnimmt ihm mehr Wasser, als den Irakis lieb ist. Selbst im regenreichen Kaschmir ist der Kampf um Wasser zwischen Indien und Pakistan eine Facette des Konfliktes. Jeder neue Staudamm wird als Aneignung einer gemeinsamen Ressource angesehen, gefährdet er doch nicht nur die eigene Wasser-, sondern auch die Stromversorgung. Der Krieg in Darfur und im Tschad ist auch ein Kampf um das immer geringer werdende Wasser. Transparency International lokalisierte etwa 50 Konflikte in fünf verschiedenen Kontinenten die wegen des Streites um Wasser zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen könnten. Was sich im Großen zwischen Staaten abspielt, findet seine kleinere Fortsetzung auf dem Gebiet von Landesteilen, in den Dörfern und von Familie zu Familie. Das Fehlen von Wasser kann jederzeit zu einem existentiellen Sicherheitsproblem werden. Die Verteilung von Wasser ist die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.
Wassermangel und Migration Nun, wird der mit Wasser verwöhnte Mitteleuropäer sagen, alles weit weg, Wassermangel ist für kein sicherheitspolitisches Thema. Weit geirrt – Wassermangel und als Folge davon eine Lebensmittelknappheit betrifft uns bereits, es wurde nur noch nicht erkannt. Wie wir wissen hat es im Laufe der Menschheitsgeschichte schon mehrmals Klimaänderungen gegeben, wodurch einst fruchtbare Gebiete aus Wassermangel versteppten und für die Menschen unbewohnbar wurden. Früher war es einfacher, die Bevölkerung machte sich mit Sack und Pack auf den Weg - es kam zu Völkerwanderungen. Nur heute gibt es keine leeren Räume mehr in die ein Volk ausweichen kann. Zwangsläufig wird deshalb die Wanderung in Gebiete gehen, die über genügend Ressourcen verfügen und eine geringere Bevölkerungsdichte haben. Die Ökologie wird damit zu einem Teil der Sicherheitspolitik. Vermutlich wird sich diese neue Völkerwanderung nicht wie in der Antike abspielen. So werden auch nicht ganze Völkerschaften in Begleitung bewaffneter Armeen durch die Lande ziehen. Die Völkerwanderung findet heute in Form von Migration statt. Tausende Afrikaner die in Europa eine neue Heimat suchen, sind nur die Vorboten einer zukünftigen Entwicklung. Etwa 60 Millionen Menschen aus den Sub-Sahara-Ländern werden bis 2020 versuchen dem Hunger, ausgelöst unter anderem durch Wassermangel, in ihrem Kontinent zu entfliehen. Noch ist das Problem ein Randgebiet der internationalen Konflikte, wird uns aber sicher verstärkt beschäftigen. Politische Destabilisierung Wasserknappheit kann zur politischen Destabilisierung ganzer Region führen, vor allem deshalb, weil sie vor allem dort herrscht, wo bereits Konflikte aus anderen Gründen am köcheln sind. Auseinandersetzungen müssen ja nicht unbedingt sofort militärisch geführt werden. Die aggressive Forderung mancher Staaten (z.B. Spanien), dass Wasser ein Rohstoff sei auf den alle Zugriff haben müssen, trägt den Kern zukünftiger Konflikte in sich. Immerhin wird dadurch die Aufgabe souveräner Rechte gefordert. Nationale Großprojekte führen nicht selten zu Turbulenzen auf geostrategischem Gebiet, was wieder Folgen auf die Wirtschaft anderer Staaten hat. Vor allem Staaten am Unterlauf von Flüssen werden auf Dauer nicht hinnehmen, dass im Oberlauf Wasser abgeleitet wird. Schutzmaßnahmen für das eigene Wasser und die eigene Nahrungsmittelversorgung werden zu Konflikten in anderen Regionen und Ländern führen. Objekt krimineller Tätigkeit Näher ist die Gefahr, dass der Wassermangel Auslöser für terroristische Akte und kriminelle Machenschaften wird. Vor Jahren mussten sämtliche Wiener Wasserreservoirs bewacht werden, weil Kriminelle mit deren Vergiftung gedroht hatten. Ein simpler Erpressungsfall, der zeigt, dass Wasser auch Objekt krimineller Tätigkeit sein kann. Je teurer Wasser wird und je weniger davon vorhanden ist, desto eher wird es Tatobjekt. Die Anthrax-Hysterie in den USA ist vielleicht noch erinnerlich: Schreckenszenarien von Terroristen welche die Wasservorräte einer Großstadt vergiften, waren Schlagzeilen. Tatsächlichen Terrorismus wegen Wasser hat man dagegen in Nigeria registriert. Ölgesellschaften haben in gewissen Gebieten Oberflächen- und Grundwasser verseucht und der dort lebenden Bevölkerung damit auch jegliche Lebensgrundlage entzogen. Die Terroristen dieses Gebietes verlangen für die Bevölkerung nicht nur einen Anteil an den Einnahmen der Ölindustrie, sondern auch den Zugang zu Wasser. In Burkina Faso wurden Anschläge auf Regierungsgebäude verübt, weil die Regierung den Wassermangel und die Lebensmittelkrise nicht in den Griff bekommt. In Indien ist die Angst, dass Terroristen sich das weiche Ziel Wasserversorgung vornehmen akut. Anschläge auf wissenschaftliche Einrichtungen in diesem Land zeigen, dass man die Wirtschaft treffen will und wie könnte man die indische Wirtschaft besser treffen als ihr die Lebensgrundlage Wasser zu entziehen?
In mehr als 20 Staaten „Brotaufstände“ Wenn man den Mangel an Nahrungsmittel und die daraus resultierenden Preissteigerungen in den Themenkreis einbezieht - und es besteht eine Kausalität - dann kann man feststellen, dass die daraus resultierenden Sicherheitsprobleme nicht abstrakt, sondern recht konkret sind. Zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 kam es in mehr als 20 Staaten unserer Erde zu so genannten „Brotaufständen“. Fünf Tote und 20 Verletzte, Angriff auf UN-Soldaten in Haiti, ein Toter und 15 Verletzte in Ägypten, 40 Tote in Kamerun, unzählige Verletzte bei den „Tortilla-Protesten“ in Mexiko, Plünderungen von Supermärkten auf den Philippinen – das ist nur ein kleiner Auszug aus der Chronik der Ereignisse. Problem vergessen Wassermangel und eine daraus resultierende Versorgungskrise bei Lebensmitteln, sind ein Sicherheitsrisiko, das weltweite Dimension annehmen wird. Wie viele Probleme ist auch dieses nicht mit militärischen oder polizeilichen Mitteln in den Griff zu bekommen, weil damit nicht die Ursache aus der Welt geschafft ist. Vor allem muss die Politik tätig werden und länder- und ressortübergreifende Lösungen suchen. Leider hat aber die Weltpolitik das Problem Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung vergessen. Die Politik machte sich bisher eher nur auf lokaler Ebene und meist nur wegen der Ernährungssicherheit Gedanken. Nur langsam setzt sich die Meinung durch, dass Wasser nicht unbegrenzt vorhanden ist. Vielleicht hat sich deshalb der G8 Gipfel 2008 in Japan erstmalig des Themas angenommen. In der Öffentlichkeit Mitteleuropas ist Wassermangel bisher überhaupt kein Thema. Lediglich akademische Kreise und Wirtschaftsfachleute nahmen sich bisher der Problematik an. Wasserrechte verkauft Zu hoffen, dass der Markt die Problematik löst, wenn man Wasser nur einfach als Wirtschaftsgut betrachtet, ist ein Irrglaube. Das Beispiel Bolivien belegt das hervorragend: Im Jahre 2000 wurden die Wasserrechte an einen ausländischen Konzern verkauft. In kürzester Zeit wurde der Wasserpreis hochgetrieben, was dazu führte, dass die ärmere Bevölkerung von der Wasserversorgung ausgeschlossen wurde. Es kam zu einem Volksaufstand, der unter dem Namen „Wasserkrieg“ bekannt wurde und zu einer Rücknahme des Verkaufs führte. Europa ist keine Insel Noch ist die unkonventionelle Sicherheitsbedrohung wegen Wassermangel und Lebensmittelknappheit keine Größe in den Planspielen von Polizei und Sicherheitsindustrie. Zu langfristig, zu weit weg erscheint die Bedrohung, doch Europa ist keine Insel. Die Stiftung „Wissenschaft und Politik“ in Berlin sieht die Problematik gar nicht so ferne. Ökonomische Risiken durch Inflation, Versorgungskrisen und steigende Importabhängigkeit sieht man hier als unmittelbare Bedrohung. Als mittelbare Risiken werden der Anstieg armutsbedingter Migration, ökonomische Risiken für die Weltwirtschaft und Konfliktanfälligkeit von instabilen Regionen angeführt. Fred Pearce, Journalist und Buchautor, der sich mit dem Thema seit Jahren auseinandersetzt meint, dass die Menschheit „vor der gefährlichsten Situation seit der Kubakrise“ steht. Die Kriege des 21. und 22. Jahrhunderts werden möglicherweise nicht wegen Erdöl, sondern wegen Wasser geführt.
Richard Benda 11729 Zeichen
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