TWITTER: „GEZWITSCHER“ VOM TATORT

 

14.01.2010

Fachartikel VKÖ

 

Das latent gespannte Verhältnis zwischen Polizisten und Journalisten haben wir in der Dezember-Ausgabe von „kripo.at“ angeschnitten. Zwar ein Problem dieser beiden Berufsgruppen, aber für beide nicht existentiell . Was auf die Polizei zukommen könnte wird ungleich unangenehmer. In „Twitter“ können Selbstdarsteller nicht nur ein falsches Bild eines Ereignisses zeichnen, sondern sogar Amtshandlungen behindern.

 

Über „Twitter*“ (www.twitter.com), nach Selbstdarstellung ein soziales Netzwerk, kann jedermann per SMS oder Mikro-Blog seine persönliche Meinung zu jeder beliebigen Sache abgeben. So weit, so gut, wenn jemand seine Meinung zu politischen Entscheidungen, der Welt- oder Wirtschaftslage oder weiß Gott was so sonst abgeben will – wen interessiert`s?  Was bei der Gründung im März 2006 vielleicht gut gemeint war, hat sich aber zwischenzeitlich als Sicherheitsproblem herausgestellt.  Twitter wird für verdecktes Marketing und für die Versendung von Spam-Mails benützt, aber was wesentlich unangenehmer ist, wegen gefälschter SMS-Absenderangaben ist es schon zu persönlichen Problemen gekommen.

 

In der Zeitschrift „Streife“ der Polizei in Nordrhein-Westfalen wurde erstmalig ein Fall veröffentlicht, bei dem eine polizeiliche Amtshandlung durch Twitter gestört wurde. Am 18. August 2009 kam es  in Schwalmtal zu einer größeren Amtshandlung, weil ein Rentner drei Menschen erschossen hatte. Mit einer zunächst unbekannten Anzahl von Geiseln verschanzte sich der Mann anschließend in einem Haus. Ein Hobbyreporter hörte den Polizeifunk ab und platzierte seine Informationen sofort auf Twitter. Auf Grund der unklaren Einsatzlage bestand die Gefahr, dass der Täter bei Twitter mitlas, welche Maßnahmen die Einsatzkräfte vor dem Haus ergriffen. Es konnte zu diesem Zeitpunkt auch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um einen Mittäter handelt. Da der zu diesem Zeitpunkt anonyme Twitter-Reporter nicht anders kontaktiert werden konnte, forderte ihn die Polizei, ebenfalls über Twitter, auf, seine Live-Berichterstattung einzustellen. Vorerst berief er sich auf die Medienfreiheit, stellte dann aber doch seine Berichterstattung ein. Die Amtshandlung wurde dann ohne Probleme abgeschlossen und in der Folge wurde der Twitter-Reporter ausgeforscht und wegen Verstoß gegen das Telekommunikationsgesetz (er hatte den Polizeifunk abgehört) angezeigt.

 

Dieser noch glimpflich abgelaufene Vorfall zeigt ein Problem auf, dass in einem zukünftigen Fall eine Amtshandlung vereiteln und schlimmstenfalls sogar Menschenleben kosten könnte. Natürlich gab es schon immer Menschen, die den Polizeifunk abhörten, aber über Twitter können diese Informationen live per Handy an Twitter übermittelt und von dort aus lawinenartig und für jedermann einsehbar weiterverbreitet werden. Diese Massenverbreitung wurde auch schon benützt um polizeiliche Maßnahmen zu unterlaufen. So wurden z.B. bei der Besetzung des Flughafens Berlin-Tempelhof durch Linksautonome im Sommer 2009 die Demonstranten gezielt über Twitter gelenkt.

Während offizielle Medienvertreter doch journalistische Grundregeln einhalten und einer gewisser Überprüfungsfaktor durch die Chefredaktion besteht, sind Twitter-Benützer völlig unkontrolliert. Nichts und niemand garantiert, dass es stimmt was auf Twitter steht. Die selbsternannten Twitter-Reporter haben in der Mehrheit nicht die Wahrheit als Ziel, sondern Eitelkeit oder bewusste  Desinformation. Ein weiterer Teil dieser Menschen ist einfach naiv und kann nicht abschätzen, was sie mit ihren Informationen anrichten. Ohne Verantwortungsbewusstsein, ohne journalistische Moral werden auf Twitter nicht nur Belanglosigkeiten verbreitet, sondern auch Meinungsbildung betrieben. Wahrheit vermischt sich mit Lüge, Tatsache mit Spekulation, Fakten und Fiktion, eine Gegebenheit die bei Polizeieinsätzen zu fatalen Folgen führen kann.

 

Für die Polizeibehörden ergibt sich durch diese Entwicklung eine neue Situation. Es genügt nicht mehr, dass sich Pressesprecher bei Großlagen um Journalisten kümmern. In Zukunft muss wohl parallel zu Amtshandlungen in der Öffentlichkeit Twitter beobachtet werden. Im Notfall muss mit einer Gegenkommunikation geantwortet werden.

Uke

 

*) Twitter, von to tweet = zu deutsch Gezwitscher.